Die Toten Hosen – In aller Stille

Mai 25, 2009 by rezensor

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25 Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debüts “Opelgang” haben die Toten Hosen mit “In aller Stille” ihren musikalischen Werdegang fortgesetzt. Wer so lange im Musikgeschäft aktiv ist, so könnte man annehmen, hat eine breite Fanbasis hinter sich geschart, die vor allem durch eines bei der Stange gehalten wird: Kontinuität. Und so stellt die Düsseldorfer Combo ihren neusten Tonträger in einen Kontext mit vorhergegangenen Höhepunkten: „’In aller Stille’ knüpft direkt dort an, wo Studioalben wie ‘Opium fürs Volk’ oder ‘Auswärtsspiel’ aufgehört haben”, heißt es auf der Website der Band.

Wer so lange im Musikgeschäft aktiv ist, so könnte man gleichfalls annehmen, muss sich aber auch gelegentlich neu erfinden. “In aller Stille” enthalte “neue, hauptsächlich nachdenkliche, philosophische Texte”, erklären entsprechend digital aktive Hosen-Fans.

Zwar stand ein neuer Produzent in einem neuen Studio hinter den Reglern und mit Cello-Einsätzen (”Tauschen gegen dich”, “Auflösen”), der momentan offensichtlich wieder angesagten Verwendung von Elektro-Samples (”Disko”) oder dem Duett-Gesang mit der Schauspielerin Birgit Minichmayr finden sich tatsächlich neue bzw. ungewohnte Elemente auf der CD.
Allerdings ist es wohl ihrer – musikalischen wie textlichen – Konstanz zu verdanken, dass die Rheinländer bereits in der ersten Woche Platz Eins der deutschen Album-Charts enterte: Songs wie “Pessimist” oder “Strom” hätten mit ihren eingängigen Riffs und Background-Gesängen beispielsweise auch in den 90er Jahren auf DTH-Veröffentlichungen Platz gefunden; durchschnittliche Lautstärke und Tempo stehen im angenehmen Kontrast zum Albumtitel. Alles beim Alten also, aber deswegen nicht schlecht.

Dies lässt sich mit Abstrichen auch bezüglich der Texte feststellen: Zwar finden sich mit Stücken wie “Leben ist tödlich”, “Innen alles neu” oder “Pessimist” tatsächlich vermehrt Songs, deren Lyrics sich im weitesten Sinne als “philosophisch” bezeichnen lassen, doch von seiner nachdenklichen Seite hatte sich Sänger Campino unter anderem schon vor 15 Jahren auf dem Longplayer “Kauf MICH” gezeigt. Auf der anderen Seite können die Toten Hosen aber nach wie vor Stücke ohne geistigen oder emotionalen Ballast schreiben: “Strom” könnte hierfür als positives, “Disco” als negatives Beispiel angeführt werden.
Insgesamt ist den Toten Hosen mit “In aller Stille” ein Album gelungen, das auch ohne viel Neues eher positiv als negativ überrascht.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Jonathan Hayes – Martyrium

April 21, 2009 by rezensor

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Eine junge Frau wird ermordet aufgefunden – übel zugerichtet und per Bohrmaschine kopfüber an einer Wand ihrer Wohnung fixiert. Der Auftakt des Thrillers “Martyrium” mutet zunächst wie der literarische Abklatsch eines Splattermovies a la “Hostile” an. Tatsächlich greift der britische Schriftsteller Jonathan Hayes, für gewöhnlich als forensischer Pathologe in New York tätig, mit seinem Romandebüt auf eine wesentlich ältere Variante des Horror-Genres zurück: die Todesarten katholischer Märtyrer.
Die Kreation eines Serienmörders, der schutzlose Frauen an ihrem Namenstag auf dieselbe Art hinrichtet, die auch ihren heiligen Namenpatroninen den Tod brachte, scheint platt. Darüber hinaus sind viele der mit diesem Plot einhergehenden Assoziationen hinreichend erschöpft: In “Seven” tötet ein ebenso fanatischer Religiöser wie der hiesige Killer Menschen, die jeweils eine der sieben Todsünden begangen haben, und Dan Brown beschrieb schon vor Jahren ein paganes Pendant zu Hayes’ Idee, als er in “Illuminati” katholischen Kardinälen den Tod durch die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde bringen ließ. Selbiger Dan Brown war des auch, der mit seinem Werk “Sakrileg” das unheimlich-geheimnisvolle Bild bediente, das bezüglich des als “typisch europäisch” empfundenen Katholizismus in Teilen der US-Gesellschaft vorherrscht. Darüber hinaus ist der in Bezug auf Browns Schaffen kreierte Terminus des “Bildungshäppchens” auch hier treffend: Themen wie die diokletianische Epoche oder koptische Schrift und Sprache werden kurz angerissen und dem Roman somit ein bildender Anstrich verpasst.
Insofern sind viele Aspekte des Hayes-Romans nicht sonderlich originell – Ähnliches gilt für seine Handlung: In die Geschichte des Pathologen Jenner, der den Serienkiller jagt, webt Hayes noch eine Lovestory zwischen ebendiesem und der Studentin Ana ein, die offensichtlich auf der “Wunschliste” des Killers steht. Dass sie im letzten Drittel des Thrillers tatsächlich in die Hände des Psychopathen gerät, ist fast schon absehbar.
Trotz dieser Defizite ist Jonathan Hayes ein packender Thriller gelungen. Vor der Kulisse eines nasskalten New Yorks kommt Hauptfigur Jenner dem Täter immer mehr auf die Spur – und mit ihm der Leser. Fesselnd wird das Werk gegen Ende vor allem deshalb, weil ein Wettlauf gegen die Uhr inszeniert wird, der durch ständige Perspektivwechsel zwischen Jäger, Täter und Opfer nie an Dynamik verliert. So hat Hayes mit “Martyrium” einen Thriller geschrieben, der in vielerlei Hinsicht an schon Dagewesenes erinnert, durch eine brillant erzeugte Suspense aber bis zum Ende spannend bleibt.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Farin Urlaub Racing Team – Die Wahrheit übers Lügen

Dezember 29, 2008 by rezensor

Sieben Jahre nach dem Beginn der „Solokarriere” des Gitarristen und Sängers der Berliner Band „Die Ärzte,” Farin Urlaub, ist mit „Die Wahrheit übers Lügen” das dritte Studioalbum des 45jährigen erschienen. An dem neuen Longplayer ist allerdings erstmals das „Racing Team” beteiligt, mit dem Urlaub seine „Solo-”Konzerte und ein Livealbum bestritt.
Wirklich hörbar ist der Unterschied allerdings nicht – bis auf den vermehrten Frauengesang und eine experimentelle Mini-CD als Beilage lässt sich „Die Wahrheit übers Lügen” problemlos in die Ahnengalerie der bisherigen Veröffentlichungen Urlaubs einreihen.
Zwar öffnet der neue Tonträger etwas schwach da langweilig mit der ersten Singleauskopplung „Nichtimgriff”, doch schon im folgenden Stück „Unscharf” spielen Urlaub und sein „Racing Team” den soliden deutschsprachigen Poppunkrock, den man auch von den bisherigen Tonträgern – und denen der Ärzte – kennt: Gitarrenuntermalte Texte über Herzschmerz, Liebe und die Kunst des positiven Denkens – und mit „Seltsam” auch ein zynisch-kritischer Song, der sich des für den Vegetarier Urlaub heiklen Themas der Pelzmode annimmt.
Wie bereits auf der etwas nachdenklicheren letzten Studioproduktion „Am Ende der Sonne” finden sich auch auf dem neuen Release einige schwermütigere Songs: „Die Leiche”, „Monster” oder „Atem” passen recht gut zur momentanen Jahreszeit. Vor lauter Langsamkeit drohen die Stücke allerdings gelegentlich zu Schlafmitteln zu werden.
Andererseits finden sich auf „Die Wahrheit übers Lügen” aber auch wieder verstärkt positive Lieder: Die gleichnamige Hymne an den ominösen „Gobi Todič”, die verzweifelte Suchexzesse bei der digital organisierten Fangemeinschaft auslöste, kommt ebenso gut gelaunt und geradezu sommerlich daher, wie „Pakistan” oder das sonst ja eher negativ konnotierte „Krieg”. Bei letzterem handelt es sich um einen elektronisch angehauchten Song, der nicht das letzte „genrefremde” Stück des Albums darstellt: Auf dem beigelegtem „Kleinen Album” finden sich vier songgewordene Spielereien mit Musikrichtungen wie Reggae oder Dancehall.
Während diese eher Geschmackssache sind, dürfte das „Große Album” eigentlich jedem gefallen, der Farin Urlaub oder Die Ärzte mag.

Philip Aubreville

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Roger – Alles Roger

November 30, 2008 by rezensor

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Nach über zehn Jahren mit der HipHop-Gruppe Blumentopf hat der Rapper Roger Manglus mit „Alles Roger“ sein Solo-Debüt veröffentlicht. Das Album, das nicht als Abschied, sondern als Selbstverwirklichungsprojekt des 33jährigen zu verstehen ist, enthält 15 Stücke und einen Skit, die sich im Laufe der Zeit ansammelten und auf den ohnehin recht vollen bisherigen Blumentopf-Veröffentlichungen entweder keinen Platz fanden oder mit dem Stil der Münchener Rap-Combo nicht mehr kompatibel waren.
Somit ist „Alles Roger“ weit mehr als ein auf einen MC reduziertes Blumentopf-Album. Gleichzeit gelingt es Manglus, der seinen Vor- auch als Künstlernamen verwendet, allerdings nicht, seine Originalität, sein „eigenes Ding“ aus konstant hohem Level zu bewahren: „Alles Roger“ ist qualitativ eher heterogen.
Auf der einen Seite haben Refrain-Zeilen wie „Nichts bleibt so wie es ist/ alles verändert sich“ (Es geht voran) weder Klang noch Flow und eine wenn überhaupt die Aussagekraft eine Sarah Palin.
Wenn gelegentlich, wie etwas bei dem Song „Irgendjemand“ ähnlich fade, nichtssagende Botschaften auch noch mit einem pädagogischen Anstrich versehen und musikgewordenem Valium unterlegt werden, bringt man dem Chor der Kulturpessimisten, die qualitativ hochwertigen deutschen HipHop schon einzig und allein in den Geschichtsbüchern verorten wollen, ein wenig Verständnis entgegen. Auf der anderen Seite verfügt „Alles Roger“ aber über zahlreiche gute Songs die dafür sorgen, dass man besagten Kulturpessimisten eben nicht beipflichten mag. So hat die Singleauskopplung „Nichts und Niemand“ enormes Partypotential, während „Schau nach vorn“ mit Wortwitzen glänzt, die man bei anderen Interpreten seit den 90er Jahren sucht.
Überhaupt ist „Alles Roger“ genau der richtige Tonträger für diejenigen, die beim Hören von „Mongo Clikke“ oder „Kolchose Stuttgart“-Platten nostalgisch werden: Neben Textkompetenz glänzt das Album, von einigen Ausfällen abgesehen, auch durch seine Beats: Scratches und Cuts sorgen für eine authentische Aura, die man beim Laserpistolen-Geklimper der medial präsenteren Künstler vermisst.
Trotz einiger Defizite ist „Alles Roger“ also eine empfehlenswerte Neuerscheinung – wer HipHop aber schon 1999 nicht mochte, wird auch mit diesem Longplayer keinen Zugang finden.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.


Interview mit Roger auf fudder.de

Rezensionsbericht: Walter Pohl – Die Völkerwanderung

Oktober 28, 2008 by rezensor

Statt einer eigenen Rezension hier ein Rezensionsbericht zu Walter Pohls Werk “Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration”. Die Kritiken zu dem Buch fallen insgesamt positiv aus.

So befindet beispielsweise Klaus Keller in der benediktinischen Monatsschrift „Erbe und Auftrag”, Pohls Arbeit stelle auch und gerade für thematische Einsteiger eine „anregende und spannende Lektüre”[1] dar. Auch Matthias Hardt lobt das Buch in der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft” als „eine Einführung, die weite Verbreitung verdient hat.”[2]

Trotz des offensichtlich als Zielgruppe ausgemachten breiteren Publikums wird Pohl von Andreas Goltz in „Das Historisch-Politische Buch” eine über reine Darstellung hinausgehende Arbeit bescheinigt: „Pohl führt in die Quellenproblematik ein, setzt sich kritisch mit zentralen Begriffen wie ‚Volk’ auseinander und erläutert das Konzept der Ethnogenese [...].”[3] Ulrich Lambrecht bringt in einer Sammelrezension für die Website „Peklos” diese Dialektik zwischen einer gewissen Massenkompatibilität ohne größere Vereinfachungen auf den Punkt: Das Buch „eröffnet den Zugang zu einem neuen Verständnis dieser Zeit, durch das mehr Fragen aufgeworfen als gelöst werden.”

Trotz einiger Meinungverschiedenheiten zu Detailfragen – so moniert Andreas Golz die Qualität der angehängten Karten und fürchtet, dass das Fehlen von Abbildungen interessierte Leser möglicherweise zu weniger fundierten greifen lasse, während Matthias Hardt die angehängten Karten in einem Atemzug mit weiteren positiven Aspekten des Buches nennt – fällt das Urteil der Kritiker insgesamt positiv aus. Neben der Attraktivität auf eine breitere Öffentlichkeit wie Fachleute werden vor allem die differenzierte Betrachtungsweise Pohls und seine Vermittlung aktueller Forschungsstände hervorgehoben.


[1] Keller, K.: Rez. Pohl, Die Völkerwanderung, in: Erbe und Auftrag 79 (2003), S. 265, S. 265.

[2] Hardt, M.: Rez. Pohl, Die Völkerwanderung, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 51 (2003), S. 659 – 661, S. 661.

[3] Goltz, A.: Rez. Pohl, Die Völkerwanderung, in: Das Historisch – Politische Buch 52 (2004), S. 133f., S- 133.

The Futureheads – This is not the world

September 30, 2008 by rezensor


Will man regionale Herkunft und musikalischen Stil der „Futureheads“ auf eine griffige Formel bringen, so drängt sich mit „Indie aus England“ ein Prädikat auf, dessen Innovationskraft gegen null tendiert. Nach dem Bands wie die „Arctic Monkeys“, „Franz Ferdinand“ oder „Bloc Party“ mit dem einst neu wirkenden Genre Erfolge feierten, hat britischer Indie-Rock nur noch selten etwas Neues zu bieten.
Die Geschichte ihres Genres durchlebten „The Futureheads“ selbst im Kleinen: Ihr Debütalbum wurde 2004 gefeiert, der Nachfolger 2006 als langweilig abgekanzelt.
Mit „This is not the world“ hat die Band aus dem britischen Sunderland nun ihren dritten Longplayer vorgelegt – langweilig ist etwas anderes.
Zwar drängen sich Vergleiche mit Gruppen wie den erwähnten Franz Ferdinand oder den Kaiser Chiefs auf; Gedanken wie „das hat man doch alles schon mal gehört“ blitzen jedoch eher selten auf.
Bestes Stück des Albums ist der erste Song, „Beginning of the twist“: Schon die ersten Zeilen („It’s time to wake up, it’s time to change/ I feel like there’s so much to rearrange“) lesen sich wie ein bandinterner Leitfaden. Einen besseren Einstiegssong hätte die Band kaum wählen können.
Das Intro ist allerdings nicht das letzte Stück, das zum Tanzflächefüller werden könnte. Das folgende „Walking Backwards“ löst ebenso unwillkürliche Wippbewegungen aus wie das als Single ausgekoppelte „Radio Heart“.
Andere Songs, so etwa „Hard to bear“, tendieren hingegen eher in die melancholische Richtung. Allerdings klingen eigentlich alle Stücke „quite british“ und teilweise ein wenig nach den 80ern.
Trotz dieses roten XTC-Fadens ist „This is not the world“ durchaus abwechslungsreich und eine spannende Indie-Platte.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.
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Outsiders Joy – Sonnenbankgebräunter Anabolikamutant

September 30, 2008 by rezensor

“Punks not dead“ sang einst die britische Band „The Exploited“ – und setzt seitdem T-Shirts, Aufnäher und Sticker en masse ab, die diesen Slogan tragen.
Doch bezogen auf die deutsche Musikszene, so scheint es gelegentlich, ist der Spruch mittlerweile zur Worthülse verkommen.
Natürlich, Punkbands wird es immer geben, auch solche mit deutschen Texten. Doch die Thronvakanz, die die Deutschpunkkönige der 80er Jahre, Bands wie Slime oder Toxoplasma hinterließen, lässt sich schwerlich wegdiskutieren.
Und auch nach dem Abtritt der zweiten Generation, die in der etwas weniger harten Version seit den 90ern den Soundtrack zu den Chaostagen lieferte, hinterließ ein bisher kaum gefülltes Loch.
Das Identifikationspotential von Gruppen wie Wizo oder der Terrorgruppe hat bisher noch keine Gruppe erreicht – ebenso wenig, so scheint es, wie das textliche oder musikalische Potential.
Ein Lichtblick im deshalb momentan eher langweiligen deutschen Punkrock-Kosmos stellt das neue Album der Punkband Outsiders Joy dar.
„Sonnenbankgebräunter Anabolikamutant“, wie der auf dem Wizo-Label Hulk Räckorz erschienene Longplayer heißt, hat viel von dem, was ein guter Punkrock-Longplayer haben sollte: Zum Beispiel ein breiter gefächertes Angebot an Texten und Melodien. So deckt „Sonnenbankgebräunter Anabolikamutant“ ein breites Spektrum ab – während zu eingängigen Melodien Prominente im Allgemeinen („Fünf Minuten Ruhm“) und im Speziellen („Edmund Stoiber Song“, „Möllemann“) zur Zielscheibe von Kritik und Spott werden, gibt sich die Kölner Band an anderer Stelle nachdenklicher: „Ein Lied über den Sinn“ ist schon fast als melancholisch zu bezeichnen. Gleiches gilt für den großartigen Song „Seele voller Narben“, der nach den jüngsten „Kellerverlies“-Fällen in Österreich und Italien unfreiwillig aktuell ist.
Überhaupt, das Politische: Fernab vom Moraltrompetertum kommen auch derartige Themen nicht zu kurz – die Songtitel „Crash Test Nazi“ und „Nazischwein“ sprechen für sich und auch das erwähnte „Fünf Minuten Ruhm“ thematisiert auf recht lockere Art gesellschaftliche Missstände.
Ähnlich ambivalent gibt sich seit mittlerweile zwölf Jahren existierende Gruppe beim Thema „das andere Geschlecht“ – mal besingt man mit ironischer Distanz eventuelle Konsequenzen ernsthafterer Bindungen (so bei „No drugs until marriage“, einem von zwei englischen Stücken auf dem Longplayer), mal kommt es zur klassischen Herz-Schmerz-Verarbeitung (Engel& Arsch).
Schließlich sehen sich vielleicht jene Kunsthistoriker, die die Wurzeln des Punks im Dadaismus suchen, bei Liedern wie „Badebub“ oder dem Hiddentrack, der auch von der Bloodhound Gang stammen könnte, bestätigt. Kurz: „Sonnenbankgebräunter Anabolikamutant“ ist eine abwechslungsreiche CD und vielleicht das Ende bereits erwähnten Thronvakanz.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.
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Fleisch ist mein Gemüse – O.S.T

Juni 28, 2008 by rezensor

Das Buch „Fleisch ist mein Gemüse“, mit dem Heinz Strunk 2004 die Bestseller-Listen stürmte, ist verfilmt worden: Der junge Heinz Strunk (gespielt von Maxim Mehmet) wächst in der Tristesse des Hamburger Stadtteils Harburg auf und schließt sich der Tanzmusik-Band „Tiffanys“ an. Zu Schützenfesten und ähnlichen Anlässen gibt die Gruppe um Frontmann Gurki (Andreas Schmidt) entsprechende Stücke zum Besten. Parallel versucht Heinz in seinem Heimstudio mit selbstgeschriebenen Songs und stetig wechselnden Sängerinnen den musikalischen Durchbruch zu schaffen.
Wie diese „Landjugend mit Musik“, so der Untertitel, hat kaum ein Film nach einem Soundtrack geschrien – und der 21 Titel umfassende Tonträger erfüllt fast alle Erwartungen.
Der erste, größere Teil der CD zeichnet sich durch einen starken Trash-Faktor aus: Zunächst vermittelt das Intro („Swingtime is good time and good time is better time!“) einen Hauch vom Niveau der leider nicht auf dem Soundtrack befindlichen Ansagen der „Tiffanys“. Es folgen „Tiffanys“-Interpretationen von Songs wie die Elvis-Bastardisierung „Blaue Wildlederschuh’“ oder „Geil“ – Stücke, die vermutlich auch in den 80ern schon schlecht waren. Die Liste könnte immens erweitert werden – „Fleisch ist mein Gemüse“ ist eine CD mit Hitpotential – zwischen drei und sechs.
Zwischen etwas wortkargen Gassenhauern wie „Tequila“ oder eine Karaokeversion von „I’m A Believer“ kommen auch eher muttersprachlich gesinnte Nostalgiker auf ihre Kosten: Zwar fehlt das im Film grandios inszenierte „An der Nordseeküste“, doch „Dans op de deel“ oder das „Faslamlied“ verpassen dem Soundtrack immerhin ein wenig des dramaturgisch wichtigen Lokalkolorits.
Im letzten Teil des Soundtracks weichen die treffend gewählten Coverversionen drei neuen Songs, die von der Frontfrau der Berliner Band „Panda“, Anna Fischer, die im Film die Sängerin Jette spielt, mit der Heinz schließlich der Durchbruch gelingt, gesungen werden.
Auch wenn die Stücke ein weiteres Spektrum abdecken, können sie alle getrost mit dem Prädikat „retro“ versehen werden: Bei „Put It All Behind“, im Film ein schlichter Akustikgitarren-Song, auf der CD mit Synthesizern aufpeppt, drängen sich Assoziationen mit Brokdorf-Demonstranten auf – auch wenn der Inhalt weniger politisch ist.
Das wie „Put It All Behind“ von Heinz Strunk selbst verfasste Stück „Tonight“ geht hingegen eher in Richtung Disco – trotz Saxophonsolo ist der Song allerdings der langweiligste der drei ‚Eigenproduktionen’.
So richtig in die 80er Jahre zurückversetzt fühlt man sich am Ende des Soundtracks: „Gestern ist vorbei“, vom Ärzte-Sänger Bela B. getextet, bedient diverse Klischees der Neuen Deutschen Welle. Mit nenaeskem Gesang gibt Anna Fischer Zeilen zum Besten wie „Gestern war so richtig kacke/ Daher auch deine Psycho-Macke“, die schon von der Wortwahl her ernsthaft wohl nur in der 80ern verfasst wurden.
Trotz aller Retrospielereien ist „Gestern ist vorbei“ ein gelungener Abschluss eines Soundtracks, mit dem die einen vielleicht ihre Jugend wieder aufleben lassen, die anderen das Trashpotential pränataler Dorfdiskos und Schützenfeste miterleben können.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.


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Donots – Coma Chameleon

Juni 7, 2008 by rezensor

Vier Jahre nach dem letzten regulären Album „Got the Noise“ meldet sich die Ibbenbürener Punkrockband Donots eher solide als eindrucksvoll zurück: Der Terminus „mittelmäßig“ trifft die neue Veröffentlichung „Coma Chameleon“ am Besten – auch wenn die Qualität des Albums mit zunehmendem Hören steigt.
So klingt der aktuelle Tonträger der Münsterländer zunächst wie ein akustischer Brei, in dem sich individuelle Merkmale der verschiedenen Songs nicht finden und Anfang und Ende ebendieser Songs kaum definieren lassen.
Aus diesem Brei, als nette Hintergrund-Begleitmusik durchaus brauchbar, kristallisieren sich die einzelnen Lieder erst mit der Zeit heraus.
Von den nun definierbaren insgesamt zehn Stücken, die von einem Intro sowie Outro umschlossen werden, nötigt zwar keines zum Skippen – wirkliches Hit-Potential wie bei früheren Longlayern der Band ist allerdings auch nicht vorhanden.
So verwundert beispielsweise die Tatsache, dass es der erste Song des Albums, „Break my stride“ es zur Singleauskopplung gebracht hat, aufgrund seiner Durchschnittlichkeit.
Andere, wie das folgende, ebenfalls ausgekoppelte „Pick up the pieces“ drücken zwar ähnlich ordentlich die Tasten der Standard-Softpunk-Klaviatur, machen aber etwas mehr Spass. Originell sind sie jedoch nicht.
Ohnehin sind es nur zwei Songs, die hervorstechen: „Headphones“ bleibt mit seinem Stakkato-Basslauf und Gesangswechseln im Ohr hängen, „Stop the clocks“ stellt mit seiner leichten Melancholie jenseits von „Hardrock-auf-Teufel-komm-raus“ das Highlight der CD dar.
„Stop the clocks“ eignet sich zwar hervorragend, um an einem verregneten Tag öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen – von der Durchschlagskraft früherer Stücke der Donots besitzt aber selbst dieser Höhepunkt des Longplayers nur prozentuale Anteile: Es fehlen Stücke wie „What ever happens to the 80s“ oder „We got the noise“, die frühere Alben aufgewertet haben.
So bleibt „Coma Chameleon“ trotz des einen oder anderen guten Stücks nicht mehr als „okay“ und entfacht leider kein Punkrock-Feuerwerk.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.


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Fettes Brot – Strom und Drang

Juni 7, 2008 by rezensor

Unter dem Titel „Strom und Drang“ hat die Hamburger HipHop-Gruppe Fettes Brot ihr mittlerweile sechstes Studioalbum veröffentlicht. In der Tradition diverser Vorgänger-Longplayer entschied man sich auch dieses mal für ein Wortspiel, das Geschmackssache ist.
Doch während Vertreter der – beinahe – namensgebenden Literaturgattung für ihre spektakulären Stücke noch Gefängnisstrafen riskierten, langweilt „Strom und Drang“ mehr als 300 Jahre später mit insgesamt 11 Songs, von denen kein Drittel überzeugen kann.
Zwar macht der erste Song „Lieber verbrennen als erfrieren“ – trotz Zeilen wie „Weil du die Sprache der Straße sprichst“, die aus den Mündern einer bürgerlichen Waldorfband wie Fettes Brot alles andere als passend wirken – als netter Partysong Lust auf mehr.
Doch schon das folgende, mittlerweile als Single ausgekoppelte Stück „Bettina, zieh dir bitte etwas an“ wirkt wie liedgewordenes Sarin. Nicht nur, weil der Text eher auf eine „Ballermann-Hits“ Compilation gehört als auf eine HipHop-Veröffentlichung, sondern auch, weil der Beat klingt, als hätte die örtliche Apfelbaum-Gruppe versucht, mit einem V-Tech-Computer Musik zu machen.
Mit „Bettina, zieh dir bitte etwas an“ ist der Tiefpunkt des Tonträgers allerdings schon nach dem zweiten Stück erreicht.
Was folgt, ist zwar nicht so nervtötend, dafür aber größtenteils absolut unspektakulär.
Bei Songs wie „Erdbeben“ oder „Schieb es auf die Brote“ drängt sich unwillkürlich der Verdacht auf, dass den Hamburgern zwar nicht allzu viel eingefallen ist, von den spärlichen Ideen aber dennoch ein Longplayer gefüllt werden sollte.
Viel ausrichten können da auch die klangvollen Gastauftritte nicht. So ist auch dieses Mal der Sänger Pascal Finkenauer, der schon den Refrain der erfolgreichen Fettes Brot-Single „An Tagen wie diesen“ sang, vertreten.
Der von ihm gesungene Chorus zu „Ich lass dich nicht los“ ist zwar wie gewohnt hochwertig, die darum liegenden Strophen lassen den Song allerdings auf Durchschnittsniveau sinken.
„Das allererste Mal“ mit der Sängerin Bernadette La Hengst klingt dagegen wiederum wie der billige Abklatsch diverser Ärzte-Songs.
Erst die letzten Songs von „Strom und Drang“ zeigen, dass die Hamburger durchaus auch Botschaften zu vermitteln haben.
Neben oft sehr langweiligen Beats werden diese aber meist von Phrasengedresche oder lyrischer Einfallslosigkeit überschattet.
So fragt man sich, ob das im eigentlich integeren Stück „Automatikpistole“ postulierte „Leute, seht ihr das auch so? Dann hebt eure Faust hoch“ von der Gruppe selbst eigentlich für originell gehalten wird. Oder das „[...] und dann bumsen wir eure Frauen“ im „1€ Blues“ für witzig.
Und auch der eigentlich gute, letzte (Gänsehaut-)Song „Hörst du mich?“ wird von einer Textfurunkel entstellt: Der Billigreim „Und ich weiß noch genau/ Es lief nur Scheiß im TV“ passt weder stilistisch noch inhaltlich zu dem sonst recht angenehmen Text – bei dem allerdings die Frage offen bleibt, ob man Sophie Scholl und Marvin Gaye wirklich in einem Atemzug nennen muss.
Aber auch jenseits moralischer Maßstäbe ist „Strom und Drang“ mehr als grenzwertig. Meist langweilige Beats und einfallslose Dichtung – Fettes Brot haben definitiv schon bessere Alben veröffentlicht.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.


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