Madsen – Frieden im Krieg

April 29, 2008 by Philip Aubreville

Den Journalisten und Tomte-Sänger Thees Uhlmann hält längst nicht jeder für einen kompetenten Ansprechpartner wenn es um Musik geht. Doch zumindest einmal, im Jahr 2005, war Uhlmanns Urteil mehr als treffend. Damals schrieb er über „Madsen“, dem ersten Album der gleichnamigen Band aus dem niedersächsischen Wendland, es sei „die beste Debüt-LP, seitdem ich über Musik schreibe.“
Für die Band begann seitdem eine Erfolgsgeschichte: Landete „Madsen“ noch auf Platz 23 der deutschen Albumcharts, war die Nachfolgeveröffentlichung „Goodbye Logik“ bereits auf Rang 8 zu finden – vier Singles schafften es in die Top 100.
Auch getragen vom Hype um deutschsprachige Musik brachten es Madsen zu gern gesehenen Gästen auf diversen einschlägigen Festivals und TV-Sendungen.
Mit „Frieden im Krieg“ hat die zur Zeit vermutlich erfolgreichste niedersächsische Band nun ihren dritten Longplayer veröffentlicht – und machen nahtlos weiter, wo sie mit ihren anderen Releases aufgehört haben.
Doch auch wenn Madsen wieder keinen Song produziert haben, den man durch eine systematische Kategorisierung einem bestimmten Album zuordnen könnte, die neuen also Songs genauso gut drei Jahre alt sein könnten und die drei Jahre alten Songs ohne Probleme auf der aktuellen LP ihren Platz fänden, muss man kein Madsen-Fan sein, um „Frieden im Krieg“ nicht langweilig zu finden.
Eine Weiterentwicklung ist nämlich trotzdem festzustellen: Die Texte wirken durchdachter als vorherige Dichtungen – das Album strotzt von Metaphern; zusätzlich finden sich Zeugmata, Chiasmen und andere Wortspiele. Nicht nur der ein oder andere Deutschlehrer hätte seine helle Freude.
Inhaltlich gehen die Lyrics über das erwartungsgemäße Thema „Liebe“ hinaus: Gesellschaftskritik, mal expliziter („Nitro“), mal zwischen den Zeilen im Gute-Laune-Kostüm („Nachtbaden“) kann man im Booklet ebenso nachlesen wie die scheinbar beliebt werdende (als Beispiel seien Die Ärzte genannt) Textgattung des sozialpädagogischen Imperativs („Verschwende dich nicht“).
Überhaupt bekommt die Kommunikation mit dem „Du“ breiten Platz eingeräumt – genauso wie vielleicht beabsichtigte, vielleicht unbeabsichtigte popkulturelle Zitate: Da ist vom „Böse[n] in Menschengestalt“ die Rede („Nitro“), „Wenn der Regen“ deutscht das in jedem zweiten britischen Melancholiesong vorkommenden „the rain falls hard“ („der Regen fällt hart“) ein und klingt anfangs wie „Die Lust am Leben“ von Geier Sturzflug. Der großartige „Kein Weg zu weit“ kommt einem nichtsdestotrotz ebenfalls bekannt vor und die Zeile „Dreh die Zeit zurück, erinnere dich“ aus dem Song „Vollidiot“ wird treffend mit einer Melodie untermalt ist, die nicht mehr ist, als die langsame Variante des 2006 veröffentlichten Stücks „Ich rette die Welt“.
Was zunächst wie eine Plagiatsansammlung aussieht, verteilt sich gut über den Longplayer und stellt somit wohl eher eine wohldosierte Anwendung popkultureller Anspielungen dar.
Musikalisch bieten Madsen auf ihrem dritten Release ansonsten wenig Neues – trotz oder gerade wegen dieser Konstanz ist „Frieden im Krieg“ allerdings eine großartige Platte und absolut empfehlenswert.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” - der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Freundeskreis – FK 10/ Freundeskreis 1997-2007

März 5, 2008 by Philip Aubreville

 

Als „Band mit WG-Charme“ beschrieb das Hamburger Nachrichtenmagazin Stern einst die Stuttgarter Hip-Hop-Gruppe Freundeskreis.
Das war zu Beginn des neuen Jahrtausends; intelligenter, wortwitziger Sprechgesang stürmte die Charts und Menschen, die kürzlich noch in Kellerstudios ihre Songs produziert hatten, brachten es plötzlich zum BRAVO-Starschnitt.
Diese Zeiten sind vorbei; der Großteil der deutschen Hip-Hop-Landschaft hat heute eher den Charme einer Betonwüste und intelligenter, wortwitziger Sprechgesang ist weniger in den Charts als auf der roten Liste vertreten. Und so wirkt die erste Freundeskreis-Veröffentlichung seit acht Jahren fast messianisch – auch wenn es sich hierbei um ein Best-Of-Album handelt und der Großteil der Stücke folglich bereits bekannt ist.
Dennoch: Mit ihrem Release zum zehnjährigen Bandjubiläum haben Freundeskreis eine Komposition vorgelegt, die ein Bollwerk gegen den allgemeinen Verfall deutscher Hip-Hop-Kultur darstellt und den Titel „CD des Jahres“ somit mehr als verdient hat.
Neben einer beigelegten Dokumentations-DVD gibt auch der Tonträger selbst einen interessanten Einblick in der Schaffensgeschichte der Schwaben: Da trifft die einstige Single „A-N-N-A“ mit ihrem Kuschelrockpotential auf einen Song wie „Sternstunde“, dessen Textinhalt man selbst nach tagelanger Lexikonlektüre nur partiell versteht – da hilft auch die überaus sinnige Erklärungsleiste der in Freundeskreis-Texten verwendeten Wörter im Booklet nicht viel.
So wird zwar den meisten auch weiterhin bei Zeilen wie „Bald stürmen 144 mit geballter Faust von Gibraltar aus das europäische Haus“ ein Fragezeichen auf der Stirn geschrieben stehen – doch dafür findet man etwas, was in der gesamten Musiklandschaft nach wie vor eher Mangelware ist: Anregungen zum Nachdenken.
Dies gilt auch für die beiden neuen Stücke: „FK 10“,oberflächlich ein klassischer Comeback-Song, besitzt eine tiefgründige Message; gleiches gilt für „Das Prinzip Hoffnung“.
„FK 10/ Freundeskreis 1997-2007“ ist aber weit mehr als ein vertontes Adorno-Werk – Freundeskreis machten und machen Popmusik; man covert Rio Reiser, lässt Udo Lindenberg mitsingen und featured Gentleman oder Afrob.
Diese Verbindung von Message und Musik macht „FK 10/ Freundeskreis 1997-2007“ für mich zur CD des Jahres – allein weil die internationalistische Hymne „Esperanto“ auch 2007 noch brandaktuell ist.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” - der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Peter Waldbauer - Lexikon der antisemitischen Klischees

März 5, 2008 by Philip Aubreville

Über sechzig Jahre nach der Ermordung von etwa sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden ist der Antisemitismus noch lange nicht von der Bildfläche verschwunden. Im Gegenteil, die antijüdischen Klischees leben weiter und tauchen sogar in neuen Kontexten auf, etwa wenn sich arabische Medien Bildern wie dem des “Ritualmordes” bedienen, die eigentlich dem christlichen Antijudaismus entstammen.

Derartige Vorurteile zu widerlegen und ihre Hintergründe aufzuzeigen, hat sich Peter Waldbauer in seinem Lexikon der antisemitischen Klischees zur Aufgabe gemacht. Dabei gelingt es dem ehemaligen Börsenmakler einerseits überzeugend, viele antisemitische Gedankengebäude zum Einsturz zu bringen und Vorurteile gezielt und sachlich mit statistischen Werten zu widerlegen - insbesondere in Bezug auf die Zwangssituation der Jüdinnen und Juden in den mittelalterlichen Herrschaftsverhältnissen. mehr

Diese Rezension wurde bereits in der iz3w veröffentlicht und ist in voller länge auf der offiziellen Website zu lesen. 

Angels and Airwaves - I-Empire

Januar 1, 2008 by Philip Aubreville

Als eine Art Zerfallsprodukt der aufgelösten kalifornischen Band blink-182 veröffentlichten Angels and Airwaves 2006 ihre Debütalbum „We don’t need to whisper”. Der Versuch eine musikalische Brücke zwischen eben blink-182 und Bands wie Pink Floyd zu schlagen, enttäuschte die meisten ehemaligen Fans. Gemessen an den Ansprüchen der Band kann man den Longplayer allerdings als gelungen bezeichnen.
Als die zweite von „zwei Hälften einer klanglichen Medaille” betrachtet die Gruppe um Ex-blink-182-Sänger Tom deLonge und den ehemaligen Offspring-Drummer Atom Willard ihre Anschlussveröffentlichung „I-Empire”.
Tatsächlich zeigen sich Kontinuitäten. Aller Fan-Kritik zum Trotz bleiben Angels and Airwaves ihrem Stil treu - und haben diesen weiterentwickelt.
So beginnt „I-Empire” mit dem Stück „Call to Arms”, welches problemlos auch aufs Vorgängeralbum gepasst, dort jedoch zu den besten Songs gezählt hätte.
Auch wirkte beispielsweise die Einleitung des Songs „The Adventure” auf „We don’t need to whisper” noch recht unbeholfen und ‚angeklatscht’, während nun „True Love” mit dem Track „Star of Bethlehem” sogar sein eigenes Intro bekommt.
Überhaupt, die Intros. Wie schon auf dem letzten Longplayer spielt das Quartett aus San Diego mit allerhand Klangelementen und Elektroanleihen, um die Stücke einzuleiten. Dass man sich hierbei teilweise experimenteller gibt, schadet der Qualität des Albums allerdings nicht wirklich.
Andererseits kann man jedoch auch den Vorwurf heben, dass die Band sich hierdurch etwas zu sehr in die Nähe von Pink Floyd begibt. Schon das Cover hat etwas von dem der „Dark Side of the Moon” LP; beim Hören der besagten Intros könnten dem ein oder anderen auch Wörter wie „Ideenklau” durch den Kopf gehen.
„Angels and Airwaves” sind aber keine Coverband und „I-Empire” keine Tribute-CD. Bei Stücken wie der ersten Singleauskopplung, „Everything’s magic” kristallisiert sich deutlich ein eigener Stil heraus. Auch wenn es schade um die großartige Musik ist, die blink-182 einst veröffentlichten und Songs wie „Breathe” die vertonte Langeweile darstellen, muss man nach dem Hören von „I-Empire” anerkennen, dass die musikalische Umorientierung Tom deLonges auch eine Bereicherung der internationalen Musiklandschaft hervorgebracht hat.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” - der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Die Ärzte - Jazz ist anders

Januar 1, 2008 by Philip Aubreville

„Der Himmel ist blau und der Rest deines Lebens wird schön”. Es gibt wohl kaum einen Song, der besser vor Herbstdepressionen schützt als „Himmelblau”, das erste Stück des neuen Ärzte-Albums „Jazz ist anders”.
Der mittlerweile zwanzigste Longplayer kommt „Wie immer: Ohne Kopierschutz”; und so haben Drummer Bela B., Gitarist Farin Urlaub und Bassist Rodrigo Gonzales auch dieses mal nicht an Ideen gespart, ihre Fans trotzdem zum Kauf der Original-CD zu animieren: Lockte man bei „Rock’n'roll Realschule” noch mit Internetspecials („Besserpunk”) oder verkaufte „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!” in einer Plüschhülle, sind das neue Album und eine zusätzliche Drei-Song-Ep in einer Miniaturausgabe einer Pizza-Schachtel verpackt.
Musikalisch als auch textlich deckt „Jazz ist anders” zwischen vertontem Endorphin wie dem erwähnten „Himmelblau” und dem düsteren „Allein” vieles ab: Mit „Lasse redn” begeben sich die Ärzte beispielsweise in gefährliche Schlagernähe, auch wenn dieses Stück mit „die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD/ und die besteht nun mal, wer wüßte das nicht, aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht” eine der besten Textzeilen des gesamten Longplayers besitzt. „Nur einen Kuss” knüpft an die Zeiten an, als man die Tonträger der Berliner nur mit gültigem Personalausweis erwerben konnte, „Licht am Ende des Sarges” an den auf diversen Alben ausgelebten Vampir-Fetisch des Drummers Bela B.
Überhaupt scheinen sich Die Ärzte in den vier Jahren seit dem letzten Studioalbum kaum verändert zu haben: Ihre relativ neue Marotte, das sozialpädagogische „Du” exzessiv zu verwenden, hat sich das Trio leider nicht abgewöhnt („Lied vom Scheitern”; „Die ewige Maitresse”), dafür strotzen Stücke wie „Breit” oder „Heulerei” vor (Selbst-)Ironie.
Exemplarisch für den neuen Tonträger ist die erste Singleauskopplung „Junge”: Auch hier zeigt sich anhand humoristisch-augenzwinkernder Texte und poprockigen Gitarrenriffs, dass sich bei den Ärzten zwar konstante Qualität, aber auch ein Mangel an Entwicklung beobachten lässt.
Doch letzteres sei den Berlinern verziehen - für Experimente haben sie ja bekannterweise ihre diversen Soloprojekte. Oder die beigelegte EP: Hier spielen Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo Gonzales mit Elektro-, Reggae- und Orgelmusik und schöpfen all das ab, was auf „Jazz ist anders” Fehl am Platz gewesen wäre.
Dies ist auch besser so, denn die vier Songs (drei Songs + ein Hiddentrack) der Mini-CD ist absolut grenzwertig. Im Gegensatz zum Album, dass trotz seiner Überraschungslosigkeit einen bunten Farbklecks in der doch recht grau gewordenen deutschsprachigen Musikszene darstellt.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” - der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Motion City Soundtrack - Even if it kills me

Dezember 1, 2007 by Philip Aubreville

Trotz eines Vertrags mit dem kalifornischen Kultlabel Epitaph Records, trotz einer Tour im Vorprogramm von blink 182 - die 1997 gegründeten Motion City Soundtrack sind bis heute eher ein Insidertipp und damit eine der meist unterschätztesten Poppunk-Bands der Gegenwart. Eigentlich.Denn das neue, dritte Album der Band, ‚Even if it kills me’, kann leider nicht an seine Vorgänger anknüpfen.Dabei startet der Introsong „Fell in love without you” mit einer gewohnten Powerpop-Kombination von Synthesizer und Gitarre und somit in gewohnt guter Qualität. Auch das darauffolgende Stück, die Singleauskopplung „This is for real” überzeugt mit einem 80er-Jahre-Stadionrockrefrain im Poppunkgewand.

Doch insgesamt wirkt die Platte etwas fad, monoton. Und Experimente wie die von einem Klavier begleitete Ballade „Conversation” gelingen nur bedingt. Man vermisst ein wenig den Pep eines „LG Fuad”, denn statt mit ironischem Augenzwinkern die Offenbarung seiner Selbstmordpläne mit zuckersüßem Poppunk zu unterlegen, klingen Teile von „Even if it kills me” tatsächlich depressiv.

Das war zwar auch bei den Vorgängeralben der Fall, doch dort wurde wesentlich mehr Abwechslungsreichtum geboten. Bis auf die erwähnten ersten beiden Songs stechen kaum Stücke heraus. Neben „Point of Extinction” ist hier vor allem die erste Singleauskopplung „Broken heart” zu nennen - einer der wenigen Tracks, die an bisherige Veröffentlichungen der Jungs aus Minnesota herankommt.

Insgesamt ist „Even if it kills me” aber durchaus hörenswert. Seine Qualität relativiert sich nur gemessen an den zuvor veröffentlichten Alben, weswegen es zum Kennenlernen der Band eher weniger geeignet ist. Leider.

Philip Aubreville

Diese Rezension wurde bereits in der “Szene”, dem Jugendmagazin der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

 

 

 

Nordhörnchen Productions No. IV

Dezember 1, 2007 by Philip Aubreville

Es war das Jahr 2004, als sich eine Hand voll befreundeter Grafschafter Musiker zusammenschloss, um ihre musikalischen Kreationen auf einer Compilation-CD zu veröffentlichen. Seit diesem Geburtsjahr der „Nordhörnchen Productions”, einem „Pool von befreundeten Musikern”, die mittlerweile über das gesamte Bundesgebiet und darüber hinaus verstreut sind, und einer gleichnamigen Samplerreihe, sind mittlerweile drei Jahre ins Land gezogen - und mit ihnen drei weitere Compilations.

Nachdem man im vergangenen Jahr erstmals eine Doppel-CD veröffentlichte, erscheint der mittlerweile vierte Sampler, die Nordhörnchen Productions No. IV, zwar wieder in einfacher Ausführung, darum aber nicht weniger aufwendig gestaltet: Dem einer Vinylschallplatte nachempfundenen Tonträger sind Aufkleber und eine Postkarte beigelegt, die wie das Cover von der Nordhorner Künstlerin Katzi entworfen wurden. Den Illustrationen Kazis hat Krokus Hamburg Bootsmann außerdem Leben eingehaucht. So enthält die Compilation erstmals neben der Musik einen Animationsfilm.

Doch auch musikalisch hat die Nordhörnchen Productions No. IV durchaus Potential. Maltjaczek Marvellous (Malte Schwarz), Rasi Toldhold (Rasmus Nordholt), Krokus Hamburg Bootsmann (Henning Brockmann), Gerrit Castillano (Gerrit Hemmesmann) und Bartolomè (Matthias Bartels), die in dieser Konstellation dem ein oder anderen als La Boca bekannt sein dürften, warten beispielsweise mit dem Song „Little Cliché” auf.

Dies könnte zwar als erste Veröffentlichung der Band seit drei Jahren gelten, doch auf der diesjährigen Ausgabe des Nordhörnchen-Samplers verzichtet man auf die Nennung von Bandnamen. Stattdessen finden sich auf der Tracklist nur die Namen der an den einzelnen Songs mitwirkenden Musiker. Denn die Arbeitsweise der Nordhörnchen hat sich in den letzten Jahren dahingehend entwickelt, dass die beteiligten Künstler in so unterschiedlichen Konstellationen zusammenarbeiten, dass eine Aufteilung in verschiedene Bands nicht mehr als sinnvoll.

Und unter diesen befinden sich auf der Nordhörnchen Productions No. IV auch Nordhörnchen-Debütanten: So steuerte Isabel Gussek, die auf keiner der bisherigen Compilations vertreten war, einen eigenen Song bei und wirkte bei einem weiteren mit; ähnliches gilt für Kai Hoppe, der sich in den Chor des Songs „Orangen” einreihte.
Zwischen diesen beiden Stücken, „Little Cliché” auf der einen, „Orangen” auf der anderen Seite, lässt sich der Tonträger dann auch einordnen: Der in seiner Grundstimmung eher ruhig gehaltene Sampler schlägt einen Bogen von sanfterer Gitarrenmusik und A-Capella-Anleihen zu Elektro.

Manch ein Song wie beispielsweise die Adaption des Brecht-Gedichtes „Der Elefant” von Krokus Hamburg Bootsmann lässt sich wiederum in gar kein klassisches Genre einordnen.

Insgesamt bietet die Nordhörnchen Productions No. IV einen auf eher ruhigen Songs basierenden Abwechslungsreichtum.
Wer Musik jenseits der klassischen Jugendhaus-Bands mag, kann sich die CD per E-Mail bestellen oder sich auf der offiziellen Internetpräsenz ein eigenes Bild machen.

Philip Aubreville

Diese Rezension wurde bereits in der “Szene”, dem Jugendmagazin der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Sum 41 - Underclass Hero

Oktober 28, 2007 by Philip Aubreville

Es war das Jahr 2001, als sich eine bis dato unbekannte Band aus Kanada ins öffentliche Bewusstsein der europäischen Musikinteressierten katapultierte: Auf MTV und Viva lief der Clip, in dem eine Band im klassischen Skatepunk-Schlabberlook, umgeben von lauter ausgelassenen, wild herum tanzenden und ähnlich gekleideten Teenagern ihren Poppunk zum Besten gibt. Die nun nicht mehr unbekannte Band hieß Sum 41 und ihre erste Single, „Fat Lip” sowie das dazugehörige Album „All killer, no filler” gehörten bald darauf in den einschlägigen Clubs zum festen Repertoire eines jeden DJs.

Sechs Jahre sind seit dem vergangen, wir schreiben das Jahr 2007: Eine Band im klassischen Skatepunk-Schlabberlook, umgeben von lauter ausgelassenen, wild herum tanzenden und ähnlich gekleideten Teenagern gibt Poppunk zum Besten. Selbst die Frisuren der Bandmitglieder scheinen noch die selben zu sein wie 2001. Doch auch wenn sowohl Video als auch Song wie ein Remake von „Fat Lip” wirken, handelt es sich hierbei um einen neues Stück, namentlich „Underclass Hero”; die erste Singleauskopplung aus dem neuen, gleichnamigen Album der Kanadier.

Sum 41, so scheint es, haben sich kaum verändert. Tatsächlich stellt der neue Longplayer eine Reise in die Vergangenheit der Gruppe dar; neben musikalischer Kongruenz zwischen „Fat Lip” und „Underclass Hero” erinnert die ein oder andere Melodie an Songs des Vorgänger-Albums „Chuck”; beispielsweise klingt der Song „Pull the Curtain” so aus, wie „88″ auf „Chuck” begann.

Letztgenannte Ähnlichkeiten sind allerdings wohl eher kleine Selbstzitate als wirkliche Anknüpfungspunkte: War „Chuck” mit seinen Metalriffs ein Ausbruch aus der bisherigen musikalischen Spur, so kehrt die nach der Trennung von Gitarist Dave Baksh nur noch dreiköpfige Combo mit „Underclass Hero” dorthin zurück, wo sie 2002 mit „Does this look infected” aufgehört haben: Zum klassischen Poppunk.

Das mag manch einer phantasielos und langweilig finden, doch andererseits ist es erfrischend, wenn eine Band die scheinbare Notwendigkeit ignoriert, sich unbedingt weiter entwickeln zu müssen: Der Umstand, dass die Bloodhound Gang mittlerweile eher dem Techno- als dem Rockgenre zuzuordnen ist oder sich die blink 182-Nachfolgeband „Angels and Airwaves” als „Pink Floyd unserer Generation” definiert, zog zwar den ein oder anderen guten Song nach sich - doch an ihre frühen Alben werden diese Musiker wohl nicht mehr heran kommen.

Die Kontinuität zu „All killer, no filler” und „Does this look infected” bedeutet allerdings nicht, dass es vor lauter Poppunk keinen Abwechslungsreichtum gebe: Auf der einen Seite zeigen die Kanadier in diversen Balladen ihre gefühlvolle Seite, was manch einer auf die Tatsache zurückführt, dass die Ehefrau von Sänger Deryck seit 2006 Avril Lavigne heißt. Auf der anderen Seite formulieren Sum 41 aber auch politische Botschaften und präsentieren überaus (pogo-)tanzbare Songs. Insgesamt bietet „Underclass Hero” also keine Überraschungen, füllt dafür aber das Loch, welches Bands wie blink 182 und eben Sum 41 selbst hinterlassen haben.

Philip Aubreville

Diese Rezension wurde bereits in der “Szene”, dem Jugendmagazin der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Tocotronic - Kapitulation

Oktober 28, 2007 by Philip Aubreville

Rückblickend mutet es vermessen an, dass sich in den 80ern eine Deutschpunk-Samplerreihe den Namen „Soundtracks [sic!] zum Untergang” gab. Denn „Soundtrack zum Untergang” ist eine Bezeichnung, die wesentlich besser auf den neuen Longplayer der Hamburger Band „Tocotronic” passt.

Ganz so, als stünde die Apokalypse vor der Haustür, ganz so, als sei das momentane Wetter nicht herbstlich genug, vertonen die Mitbegründer der Musikbewegung „Hamburger Schule” eben diesen und liefern eine depressive Monotonie in zwölf Akten ab. Und auch textlich wird ein gewisser Endorphinmangel deutlich - Sänger Dirk von Lowtzow scheint mit seinen 36 Jahren noch immer vom selben Weltschmerz geplagt zu werden wie ein Bill Kaulitz von Tokio Hotel.

Vielleicht ist der Flirt mit dem Schwermut aber auch nur Koketterie; beispielsweise wenn von Lowtzow im Auftaktsong „Mein Ruin” singt „Mein Ruin ist mein Bereich/ denn ich bin nicht einer von euch/ mein Ruin ist was mir bleibt/ wenn alles andere sich zerstäubt”.

Sieht man einmal von der Frage ab, inwiefern derartige Textzeilen die tatsächliche Lebensrealität des Verfassers widerspiegeln und nicht nur einen popkulturellen Populismus darstellen, bleibt doch die Art und Weise des Vortragens. Der Gesang lässt sich an Eintönigkeit kaum überbieten - selbst der Refrain weicht nur geringfügig von der Strophe ab. So gehen Texte, die anders verpackt und mit anderem (sprich tatsächlichem Außenseiter-) Background, gar nicht schlecht wären, in einer öden Sauce unter.

Denn der achte Longplayer des mittlerweile vierköpfigen Gespanns besitzt kaum Highlights oder besonders hervorstechende Songs. Die Stücke unterscheiden sich nur geringfügig; lediglich beim Song „Sag alles ab” verlässt die Band die Hippieecke in Richtung Punk - und kehrt auf halbem Weg wieder um. Selbst der dem Album namensgleiche, als Single ausgekoppelte Song „Kapitulation” hat nichts Spezifisches. Andererseits eignet sich die CD als akzeptable Hintergrundmusik - denn im Gegensatz zu vorherigen Veröffentlichungen ist auch keine besonders penetrante Komposition dabei.

Selbst der Internetdienst laut.de, der diese Ansammlung von Schlafliedern als „eines ihrer besten” Alben bezeichnet, erklärt, der Longplayer klinge „musikalisch recht überraschungsarm”.

Da auch textlich keine wirklich neuen Fässer aufgemacht werden, wird „Kapitulation” wohl nur von Menschen bejubelt werden, die Tocotronic schon vorher mochten. Alle anderen werden es ähnlich sehen: Die Monotonie der Musik schläfert ein und die Texte erfordern neben einer gewissen Abstraktionsleistung auch ein hohes Maß an Selbstmitleid.

Philip Aubreville

Diese Rezension wurde bereits in der “Szene”, dem Jugendmagazin der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Kinderzimmer Productions - Asphalt

September 28, 2007 by Philip Aubreville

Das Erste, was man hört sind verzerrte Musikinstrumente gepaart mit verspielten Samples: Allein das Intro des mittlerweile sechsten Longplayers der Ulmer HipHop-Band Kinderzimmer Productions reicht aus, um einen Großteil der potentiellen Klientel, die man mit der Genrebezeichnung „HipHop” eigentlich anziehen könnte, zu verschrecken. Doch das ist keine Überraschung, Kinderzimmer Productions, das haben sie schon früher postuliert, machen eben „HipHop für HipHop-Muffel” und nicht für potentielle Jamba-Kunden.
Mit Musik, der oft eher eine Samplecollage als einen Beat im klassischen Sinne darstellt und Texten, deren Schwerpunkt weniger die eigene Großartigkeit als das Austoben auf dem Wortspielplatz ist, haben sich Kinderzimmer Productions seit 1994 eine feste Fangemeinde erspielt.
Das aktuelle Album scheint genau für diese Zielgruppe konzipiert; als Einstieg ist es eher weniger geeignet.
Es fehlen die Hits, die herausstechenden Stücke, wie sie auf vorherigen Alben oftmals zahlreich vorhanden waren. Hier den Zugang zu finden, ist ziemlich schwer.
Wer Kinderzimmer Productions mag, wird aber auch an „Asphalt” seine helle Freude haben. Der mittlerweile in Berlin lebende Frontmann Textor wirft wie gehabt mit Wortwitzen um sich („ich jage Gedanken, in- und auswendige sie, wie Graffiti hauswändige sie”)und Dj Quasimodo gestaltet die Beats wieder im unverwechselbaren Kinderzimmer Productions-Style. Dass einst ein Tonträger der Band eingestampft wurde, weil man ein nicht rechtefreies Sample der englischen Punkband „The Stranglers” verwendet hatte, hindert Quasimodo auch auf „Asphalt” nicht daran, sich bei Interpreten diverser Genres von Jazz bis HipHop zu bedienen.
„Asphalt” ist also keine Revolution im Kinderzimmer Productions-Universum, sondern typisch. Doch nicht nur, weil der herausragende Smasher fehlt, sondern auch im Großen und Ganzen ist der Longplayer bei weitem nicht der beste, den Kinderzimmer Productions jemals gemacht haben. An Vorgänger wie „Irgendjemand muss doch” oder „Wir sind da wo oben ist” kommt „Asphalt” leider nicht heran.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde bereits in der “Szene”, dem Jugendmagazin der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

Kinderzimmer Productions: Konzertbericht auf fudder.de