Refused – The Shape Of Punk To Come

By rezensor

“They told me, that the classics never gonna style, but they do, they
do. So my baby, i’d never thought that we do too.”

Dennis Lyxzén, Intro Track 01
A Chimerical Bombination In 12 Bursts …

Wenn man diese Phrasen erst einmal anstandsgemäß auseinander genommen hat, dann fällt diese abgeklärte und zuversichtliche Vision etwas eitel ins Auge: Sprechen Refused doch als eine Art Ansage ihr Einwirken auf die gesamte Musikszene durch diese Album an. Überheblichkeit? Nein, nicht nach “Songs To Fan The Flames Of Discontent”, das Ansatzweise schon unterbrachte, was dem Hörer in dem statischen Hier und Jetzt durch
TSOPTC geboten wird. Statisch entspricht dem Schaffen der Band durch dieses Album. Alleine die Mixtur aus derartig fortschrittlich klingendem Hardcore, feineren Nuancen, die teilweise erst Jahre später von halbherzigen Nu-Metal- und modernen Punk-Bands verstanden und aufgegriffen werden konnten, dem durchdacht beigemischten Elektro-Anteil, der besonders in den geschickten, radiohaften Verknüpfungen der einzelnen Songs ersichtlich wird, sowie einem facettenreichen Jazz-Basiswissen, war zum
Veröffentlichungszeitpunkt unerreicht.

Zudem wirken die Gewaltsprünge, die musikalisch zwischen Steigerungen, Explosionen und Einpferchungen pendeln, konsequent und auf Albumlänge treibend. Hier wurden nicht kontextlos Songs aneinandergereiht, sondern ein konzepthafte Maximierung des eigenen Könnens verteilt. Und zwar auf eine Art und Weise, die weder zu emotionsgeladen noch zu berechnet eingesetzt klingt. Dieser Spagat zwischen Impulsivität und All-Over-Konzept ist mir nie vorher begegnet in diesem Genre, wodurch wahrscheinlich auch der Anspruch dieser Platte und vielmehr dieser Band gefestigt wird, sowohl in ruhigen als auch brachialen Momenten. Dass als Fakt die Band zudem auf dieser Scheibe einen der begehrtesten Tanzflächenabheber überhaupt untergebracht hat (06 – New Noise), krönt die Collage des Refused Party Programs, in dem schon oben zitierter Sänger Dennis “We need new noise, new art for the real people.” fordert und zudem durch “We dance to all the wrong songs and we enjoy all the wrong moves” weiter den Hörer zweifeln lässt, ob er denn den Horizont erkennen kann, den die Band scheinbar für dieses Werk brauchte.
Der Lobeshymnen nicht genug, verbindet Musik und Text nicht nur die Hörbare spielerische Freude der Probanden, sondern auch ein äußerst gut angewandtes Artwork, dass den Wissensbogen über die letzten zwei musikalischen Dekaden spannt und zudem durch das ursprüngliche Plattenlayout und die darauf zu sehenden Fotografien um die doppelte Länge erweitert.
Refused pressen damit natürlich wie von ihnen angekündigt “The Shape Of Punk To Come”. Ich würde einen Schritt weiter gehen und sagen, dass sie, ähnlich wie z. B. ein Quartett aus Liverpool lange zuvor, durch diese Platte sich aus einem eingerasterten, schemahaften und durchkriterisierten Musikjungle befreiten und damit vielen Bands die Inspiration gaben, nach oben offen zu denken. Das entschuldigt selbst ihre Auflösung, auch wenn diese sich nicht in 12 dermaßen mächtigen Schritten vollzog.

Nikolas Klemme

Nikolas Klemme ist Musiker, Produzent und Ferienjobber in Nordhorn.

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