
Auch wenn es gegen das eigentliche Konzept von rezensor.tk verstößt: Statt einer Rezension gibts heute ein Interview mit der Berliner Punkband Terrorgruppe, namentlich Archi Alert und Johnny Bottrop. Ich habe das Interview 2004 am Rande des „Komplex Open Air“ in Schüttorf geführt – der Mitschnitt wurde in der großartigen Sendung ‘Radio Rammbock‘ gesendet, der Text in der ‘Szene’, dem Jugendmagazin der Grafschafter Nachrichten abgedruckt. War damals übrigens die Titelgeschichte…(-;
Was habt ihr von den anderen Bands mitgekriegt? Wie gefallen sie euch?
Archi: Ich hatte was von dieser deutschsprachigen Band, die alle sehr seltsam gekleidet waren mitgekriegt und dachte am Anfang das wär son bisschen ne Reinkarnation von ZK als ich dann aber sone Weile zugehört hatte dachte ich eher dass die Tocotronic für lustige Leute waren.
Johnny: Tocotronic für Slacker. Für echte Slacker!
Letztes Jahr habt ihr auf dem Bizarre gespielt, jetzt spielt ihr in Schüttorf. Ist das von euch bewusst gewollt oder seht ihr das als Karriereknick oder so?
Archie: Wir wollens so! Wir spielen nach wie vor auch große Festivals, jedenfalls die die uns haben wollen, viele wollen uns nicht. (lacht) Wir spielen morgen z.B. auch auf dem Taubertal-Festival, dass ist auch ausverkauft, hat glaub ich 40.000 Besucher oder so.
Johnny: Wir werden da morgen aufgezeichnet – vom Bayrischen Rundfunk!
Archie: Da sind wir so stolz drauf, du glaubst gar nicht wie stolz die Band Terrorgruppe sein kann, wenn sie vom Bayrischen Rundfunk aufgezeichnet wird. (lacht) Das ist der Hammer für uns.
Aber so was ist natürlich ist unsere Heimat und natürlich wollen wir so was, warum nicht? Ob jetzt klein oder groß, alles hat seinen Flair! Bei den großen Festivals kickt dich halt die Menge des Publikums und bei den kleinen Festivals kickt dich halt der Charme des Publikums. Es macht Spass!
Habt ihr eigentlich vor mal wieder mit den Ärzten zu spielen oder andere Projekte zu starten wie 1995/96?
Archie: Also ich find die Ärzte scheiße! (lacht)
Johnny: Also Kontakte gibt’s schon, letzten Sonntag war ich wieder auf ihrer Party da haben sie inner Waldbühne gespielt und danach gab’s ne Party weil sie Platin verliehen bekommen haben, war ganz lustig.
Archie: Also das Thema Ärzte ist in der Beziehung für uns halt abgehakt, wir hatten halt schon viele mit denen gemacht, warum sollten wir da weiter machen, ich mein wir sind ne eigenständige Band wir wollen auch nicht immer nur mit den Ärzten in Verbindung gebracht werden, wir machen unser eigenes Ding und das hat auch sehr wenig mit den Ärzten zu tun.
Wir müssen nicht vorgeben, dass wir rockbar wären – wir sind’s! (lacht)
Genau wie der Großteil hier seid ihr ja euch ursprünglich Kleinstädter.. Was habt ihr für Zeitvertreib-Tipps gegen die Langeweile die ihr ja auch im „Kleinstadtlied“ besingt?
Archie: Wegziehen – inne Großstadt! Es ist einfach so, also ich kann sehr sehr wenig starke Leute die in Kleinstädten wohnen und nicht mit dem Mainstream mitschwimmen und ihr Ding durchziehen, nicht Alkoholiker werden oder herointot, es sind einfach so wenig dass man es keinem Menschen unterstellen möchte dass er das auch kann. Letztlich ist die einfachste Variante der Flucht einfach die Flucht in die Großstadt.
Johnny: Am besten zieht man dann nicht in sone Kleinstadt wie Berlin sondern direkt nach Mexico City!
Archie: Oder Sao Paolo, 18 Millionen.
Johnny: Istanbul auch 18 Millionen!
Archie: Alles Weltstädte mit Herz!
Wenn ihr schon von Sao Paolo anfangt… Ihr ward ja vor kurzem auch in Brasilien auf Tour. Wie hat’s euch dort gefallen und wie viel habt ihr von der Kluft zwischen arm und reich mitbekommen. Wie ist die Punkszene aufgebaut? Waren auf euren Konzerten eher „reiche“ Studenten oder die typischen Ghetto-Kids.
Archie: Die Kluft zwischen arm und reich ist unglaublich groß, man kann sich das gar nicht so richtig vorstellen wie groß die eigentlich ist, selbst wir haben die wirklich Armen gar nicht gesehen, zwar wohl wie die Leben und Wohnen aber wir haben da niemanden kennen gelernt, das ist ein anderes Volk im Volk. Du kommst da gar nicht so rein.
Allerdings haben auch die Leute aus dem Mittelstand die da zur Schule gehen oder Studenten sind auch kaum Geld.
Das geile an Brasilien ist aber das die Leute dort nicht so amerikanisiert sind, die stehen eigen da, die sind wesentlich zivilisierter als in Europa, du glaubst gar nicht was es da alles gibt und was die alles machen, die sind unheimlich dankbar. Die akzeptieren auch andere Sprachen…
Habt ihr eine weitere Tour dort geplant?
Archie: Wir sind grad am überlegen, da gibt’s n Plan und wenn der so hinhaut wie wir uns das vorstellen, dann auf jeden Fall! Wir waren da jetzt einmal und wenn man da jetzt nicht mehr hinfährt wärs vertane Zeit gewesen.
Wieso eigentlich ausgerechnet Brasilien?
Archie: Einfache Sache. Wir haben da jemanden kennen gelernt der war total hin und weg von uns. Ich hatte mal Wilja von den Bambix, die sind da relativ erfolgreich, n paar CDs von uns mitgegeben und gesagt wenn sie da jemanden trifft der in Ordnung ist soll sie ihm die CD geben. Und auf einmal hatten wir die Anfrage vom Nitrominds-Sänger. Der hat das Label Nitroala Records und meinte er fänd uns geil und fragte ob wir die CD in Brasilien veröffentlichen wollen. Der hat das dann rausgebracht und die Tour organisiert. Das lief aber sehr auf der Freundschaftsbasis ab und war bei weitem „No Buisnes“.
Demnächst erscheint ja eine neue Single von euch? Wird das ne Auskopplung aus euerer „Fundamental“ LP sein oder was neues? Und was ist überhaupt aus eurer Singlekollektions-Fortsetzung geworden?
Johnny: Was Neues. Das ist der Song Fischertechnik und der ist der nigelnagelneu. Allerdings ist das ne Vorauskopplung, Fischertechnik wird auf unserem nächsten Album sein, es gibt halt noch drei Bonustitel drauf. Das nächste Album wird ne Singelcompilation mit n paar neuen Stücken drauf, das besondere ist das kriegt das größte Booklet der Erde, das wird nämlich ein richtiges Buch, diesmal. Das wird ein Schundroman, ein Heimatroman in dem wir am Rande drin vorkommen. Sei gespannt!
Ist das dieses Buch was Archi geschrieben hat und aus dem Johnny auch schon auf einer eurer Maxi-CDs vorgelesen hat?
Archie: Das ist ein anderes Buch, ich bin bei meinem noch am Schreiben und da sehr langsam. Helge Schneider hat glaub ich mal gesagt wenn er so seine Bücher schreibt schreibt er jeden Tag ne Seite, bei mir ist es jeden Tag ein Wort! Ich hab vor nächstes Jahr jeden Tag nen Satz zu schreiben. (lacht) Aber das wird auch irgendwann noch mal rauskommen.
Hat Fischertechnik was mit diesem Baukastenkram zu tun? Mit Angeln?
Johnny: Auch! Aber auch noch mit was anderem…
Archie: Es hat auch noch was mit unserem außerirdischen Freund Commander Starfuck zu tun der singt nämlich zum allerersten Mal auf einer irdischen CD!
Johnny: Es ist überhaupt das erste Mal von dem wir wissen das ne Band hier auf diesem Planeten Erde ne Platte mit einem Außerirdischen aufnimmt.
Werdet ihr eigentlich mit „W“ oder nem anderen Song auf einer „Rock against Bush“ Fortsetzung zu hören sein?
Archie: Es machen da zwar mittlerweile europäische Bands mit aber ich finde das ist ehr Quatsch und sone Promo-Aktion für diese Bands. Diese „Rock against Bush“ Geschichte hat ja eng was zu tun mit Punkvoter und da geht’s halt darum dass die Szene in Amerika auch Leute zum wählen bekommen möchte die sich sonst verweigern einfach aus dem Grund dass das schlimmste Übel erstmal weg ist und man hinterher mit dem weniger schlimmen Übel einfach besser dealen kann. Aber das hat mit Europa nix zu tun!
Unser Song ist ist ja auch kein politischer Song gegen Bush sondern eher so ein ur-typischer Punksong wie man mit Politik umgeht obwohl man überhaupt keine Ahnung davon hat. Und auch wenn man nicht weiß wer Bush überhaupt ist und was für Schandtaten eher da tut ist es doch so dass man das einfach mal sagen muss! (lacht) Es ist auch son Lied das sich mit Fragen auseinander setzt, so als Europäer weiß man ja gar nicht was dieses „W“ im Namen eigentlich bedeutet, manche sagen „Wixer“, das kann man unterschreiben aber wir sagen halt UU, also Double-Fuck-You, es heißt halt „Double-U“, es sind ja zwei U´s, also eigentlich sinds ja zwei V´s aber die Amis ham halt n Schatten…
Habt ihr eigentlich noch mal Stress mit Frau Merkels Anwälten bekommen wegen „Angela“?
Archie: Unser Anwalt meinte halt das Frau Merkel stinksauer werden könnte wenn sie das Lied hört weil’s dort einige Passagen in dem Lied gibt die beleidigend sind und er hat uns schlichtweg abgeraten das Lied rauszubringen und wenn unser Anwalt, der ein sehr linker und cooler Entertainment-Anwalt ist und viel mit anderen Medienleuten zu tun hat die Satire machen und so, das sagt dann horchen wir schon auf. Wir waren dann auch ein bisschen unsicher aber beim Gespräch mit unserem Manager kam dann der Spruch: „Wie, ihr seid doch die Terrorgruppe, wieso überlegt ihr das denn nicht rauszubringen, natürlich müsst ihr das rausbringen!“ Unser Manager der den meisten Ärger kriegen würde… Da haben wir uns gedacht wenn er das so sagt dann machen wir das.
Wobei wir in vorauseilendem Gehorsam eine Karaoke-Version von dem Lied gemacht haben und diese Nummer ist jetzt auf der Fischertechnik-Single drauf und da könne Leute selber einen Text zu schreiben und den singen und uns schicken und der beste gewinnt halt einen Tag im Studio mit uns und darf dann mitsingen… Wir nehmen das dann richtig auf!
Johnny: Ja macht alle mit!
Habt ihr auch Hassbriefe oder Ähnliches von empörten Bürgern bekommen?
Archie: Nein, aber was mir aufgefallen ist: Wir haben ja auch ein Video gemacht und die und die an verschiedene Radiosender geschickt und man hat schon gemerkt das grad ne unheimlich konservative Stimmung im Land ist. Also das ist ja ein Spottlied und kein politisches Lied oder so das sich über die Person Angela Merkel lustig macht die so mittelmäßig ist wie man nur mittelmäßig sein kann. Wir hatten beim Reimen halt ein Höllenspass und wenn solche Sachen so Spass machen muss man die halt auch aufnehmen. Aber die Radioleute hatten ein tierisches Problem mit dem Song und man merkt schon dass nach sechs Jahren rot-grün eine unheimlich konservative Stimmung in diesem Land herrscht. Und das wird noch schlimmer, Leute…
Zum Schluss könnt ihr ja noch mal n bisschen Werbung für eure „Rohe Weihnachten“ Konzertreihe machen…
Johnny: Kommt alle zur „Rohe Weihnachten“ Tour! Hier in der Gegend spielen wir in Münster im Skaters Palace. Terrorgruppe, Muff Potter, The Movement und Trend. Ein großes Festival!
Archie: Und vor allem: Ein Tag nach Weihnachten! Wenn man die Alten nicht mehr sehn kann völlig vollgefressen ist und alles wieder auskotzen möchte, bitte kommt zu uns! Es gibt ne geile Pogo-Party und ihr habt keine Gewichtsprobleme!
Und es wird vor allem für längere Zeit unsere letzte Tour bleiben, wir werden in Deutschland so schnell nicht wieder touren, weil wir brauchen Ideen und Zeit für neue Aktivitäten.
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Dezember 6, 2007 um 1:56 |
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