Tocotronic – Kapitulation

By rezensor

Rückblickend mutet es vermessen an, dass sich in den 80ern eine Deutschpunk-Samplerreihe den Namen „Soundtracks [sic!] zum Untergang” gab. Denn „Soundtrack zum Untergang” ist eine Bezeichnung, die wesentlich besser auf den neuen Longplayer der Hamburger Band „Tocotronic” passt.

Ganz so, als stünde die Apokalypse vor der Haustür, ganz so, als sei das momentane Wetter nicht herbstlich genug, vertonen die Mitbegründer der Musikbewegung „Hamburger Schule” eben diesen und liefern eine depressive Monotonie in zwölf Akten ab. Und auch textlich wird ein gewisser Endorphinmangel deutlich – Sänger Dirk von Lowtzow scheint mit seinen 36 Jahren noch immer vom selben Weltschmerz geplagt zu werden wie ein Bill Kaulitz von Tokio Hotel.

Vielleicht ist der Flirt mit dem Schwermut aber auch nur Koketterie; beispielsweise wenn von Lowtzow im Auftaktsong „Mein Ruin” singt „Mein Ruin ist mein Bereich/ denn ich bin nicht einer von euch/ mein Ruin ist was mir bleibt/ wenn alles andere sich zerstäubt”.

Sieht man einmal von der Frage ab, inwiefern derartige Textzeilen die tatsächliche Lebensrealität des Verfassers widerspiegeln und nicht nur einen popkulturellen Populismus darstellen, bleibt doch die Art und Weise des Vortragens. Der Gesang lässt sich an Eintönigkeit kaum überbieten – selbst der Refrain weicht nur geringfügig von der Strophe ab. So gehen Texte, die anders verpackt und mit anderem (sprich tatsächlichem Außenseiter-) Background, gar nicht schlecht wären, in einer öden Sauce unter.

Denn der achte Longplayer des mittlerweile vierköpfigen Gespanns besitzt kaum Highlights oder besonders hervorstechende Songs. Die Stücke unterscheiden sich nur geringfügig; lediglich beim Song „Sag alles ab” verlässt die Band die Hippieecke in Richtung Punk – und kehrt auf halbem Weg wieder um. Selbst der dem Album namensgleiche, als Single ausgekoppelte Song „Kapitulation” hat nichts Spezifisches. Andererseits eignet sich die CD als akzeptable Hintergrundmusik – denn im Gegensatz zu vorherigen Veröffentlichungen ist auch keine besonders penetrante Komposition dabei.

Selbst der Internetdienst laut.de, der diese Ansammlung von Schlafliedern als „eines ihrer besten” Alben bezeichnet, erklärt, der Longplayer klinge „musikalisch recht überraschungsarm”.

Da auch textlich keine wirklich neuen Fässer aufgemacht werden, wird „Kapitulation” wohl nur von Menschen bejubelt werden, die Tocotronic schon vorher mochten. Alle anderen werden es ähnlich sehen: Die Monotonie der Musik schläfert ein und die Texte erfordern neben einer gewissen Abstraktionsleistung auch ein hohes Maß an Selbstmitleid.

Philip Aubreville

Diese Rezension wurde bereits in der “Szene”, dem Jugendmagazin der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

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