Die Ärzte – Jazz ist anders

By rezensor

„Der Himmel ist blau und der Rest deines Lebens wird schön”. Es gibt wohl kaum einen Song, der besser vor Herbstdepressionen schützt als „Himmelblau”, das erste Stück des neuen Ärzte-Albums „Jazz ist anders”.
Der mittlerweile zwanzigste Longplayer kommt „Wie immer: Ohne Kopierschutz”; und so haben Drummer Bela B., Gitarist Farin Urlaub und Bassist Rodrigo Gonzales auch dieses mal nicht an Ideen gespart, ihre Fans trotzdem zum Kauf der Original-CD zu animieren: Lockte man bei „Rock’n'roll Realschule” noch mit Internetspecials („Besserpunk”) oder verkaufte „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!” in einer Plüschhülle, sind das neue Album und eine zusätzliche Drei-Song-Ep in einer Miniaturausgabe einer Pizza-Schachtel verpackt.
Musikalisch als auch textlich deckt „Jazz ist anders” zwischen vertontem Endorphin wie dem erwähnten „Himmelblau” und dem düsteren „Allein” vieles ab: Mit „Lasse redn” begeben sich die Ärzte beispielsweise in gefährliche Schlagernähe, auch wenn dieses Stück mit „die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD/ und die besteht nun mal, wer wüßte das nicht, aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht” eine der besten Textzeilen des gesamten Longplayers besitzt. „Nur einen Kuss” knüpft an die Zeiten an, als man die Tonträger der Berliner nur mit gültigem Personalausweis erwerben konnte, „Licht am Ende des Sarges” an den auf diversen Alben ausgelebten Vampir-Fetisch des Drummers Bela B.
Überhaupt scheinen sich Die Ärzte in den vier Jahren seit dem letzten Studioalbum kaum verändert zu haben: Ihre relativ neue Marotte, das sozialpädagogische „Du” exzessiv zu verwenden, hat sich das Trio leider nicht abgewöhnt („Lied vom Scheitern”; „Die ewige Maitresse”), dafür strotzen Stücke wie „Breit” oder „Heulerei” vor (Selbst-)Ironie.
Exemplarisch für den neuen Tonträger ist die erste Singleauskopplung „Junge”: Auch hier zeigt sich anhand humoristisch-augenzwinkernder Texte und poprockigen Gitarrenriffs, dass sich bei den Ärzten zwar konstante Qualität, aber auch ein Mangel an Entwicklung beobachten lässt.
Doch letzteres sei den Berlinern verziehen – für Experimente haben sie ja bekannterweise ihre diversen Soloprojekte. Oder die beigelegte EP: Hier spielen Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo Gonzales mit Elektro-, Reggae- und Orgelmusik und schöpfen all das ab, was auf „Jazz ist anders” Fehl am Platz gewesen wäre.
Dies ist auch besser so, denn die vier Songs (drei Songs + ein Hiddentrack) der Mini-CD ist absolut grenzwertig. Im Gegensatz zum Album, dass trotz seiner Überraschungslosigkeit einen bunten Farbklecks in der doch recht grau gewordenen deutschsprachigen Musikszene darstellt.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.

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