Fettes Brot – Strom und Drang

By rezensor

Unter dem Titel „Strom und Drang“ hat die Hamburger HipHop-Gruppe Fettes Brot ihr mittlerweile sechstes Studioalbum veröffentlicht. In der Tradition diverser Vorgänger-Longplayer entschied man sich auch dieses mal für ein Wortspiel, das Geschmackssache ist.
Doch während Vertreter der – beinahe – namensgebenden Literaturgattung für ihre spektakulären Stücke noch Gefängnisstrafen riskierten, langweilt „Strom und Drang“ mehr als 300 Jahre später mit insgesamt 11 Songs, von denen kein Drittel überzeugen kann.
Zwar macht der erste Song „Lieber verbrennen als erfrieren“ – trotz Zeilen wie „Weil du die Sprache der Straße sprichst“, die aus den Mündern einer bürgerlichen Waldorfband wie Fettes Brot alles andere als passend wirken – als netter Partysong Lust auf mehr.
Doch schon das folgende, mittlerweile als Single ausgekoppelte Stück „Bettina, zieh dir bitte etwas an“ wirkt wie liedgewordenes Sarin. Nicht nur, weil der Text eher auf eine „Ballermann-Hits“ Compilation gehört als auf eine HipHop-Veröffentlichung, sondern auch, weil der Beat klingt, als hätte die örtliche Apfelbaum-Gruppe versucht, mit einem V-Tech-Computer Musik zu machen.
Mit „Bettina, zieh dir bitte etwas an“ ist der Tiefpunkt des Tonträgers allerdings schon nach dem zweiten Stück erreicht.
Was folgt, ist zwar nicht so nervtötend, dafür aber größtenteils absolut unspektakulär.
Bei Songs wie „Erdbeben“ oder „Schieb es auf die Brote“ drängt sich unwillkürlich der Verdacht auf, dass den Hamburgern zwar nicht allzu viel eingefallen ist, von den spärlichen Ideen aber dennoch ein Longplayer gefüllt werden sollte.
Viel ausrichten können da auch die klangvollen Gastauftritte nicht. So ist auch dieses Mal der Sänger Pascal Finkenauer, der schon den Refrain der erfolgreichen Fettes Brot-Single „An Tagen wie diesen“ sang, vertreten.
Der von ihm gesungene Chorus zu „Ich lass dich nicht los“ ist zwar wie gewohnt hochwertig, die darum liegenden Strophen lassen den Song allerdings auf Durchschnittsniveau sinken.
„Das allererste Mal“ mit der Sängerin Bernadette La Hengst klingt dagegen wiederum wie der billige Abklatsch diverser Ärzte-Songs.
Erst die letzten Songs von „Strom und Drang“ zeigen, dass die Hamburger durchaus auch Botschaften zu vermitteln haben.
Neben oft sehr langweiligen Beats werden diese aber meist von Phrasengedresche oder lyrischer Einfallslosigkeit überschattet.
So fragt man sich, ob das im eigentlich integeren Stück „Automatikpistole“ postulierte „Leute, seht ihr das auch so? Dann hebt eure Faust hoch“ von der Gruppe selbst eigentlich für originell gehalten wird. Oder das „[...] und dann bumsen wir eure Frauen“ im „1€ Blues“ für witzig.
Und auch der eigentlich gute, letzte (Gänsehaut-)Song „Hörst du mich?“ wird von einer Textfurunkel entstellt: Der Billigreim „Und ich weiß noch genau/ Es lief nur Scheiß im TV“ passt weder stilistisch noch inhaltlich zu dem sonst recht angenehmen Text – bei dem allerdings die Frage offen bleibt, ob man Sophie Scholl und Marvin Gaye wirklich in einem Atemzug nennen muss.
Aber auch jenseits moralischer Maßstäbe ist „Strom und Drang“ mehr als grenzwertig. Meist langweilige Beats und einfallslose Dichtung – Fettes Brot haben definitiv schon bessere Alben veröffentlicht.

Philip Aubreville

Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.


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