Das Buch „Fleisch ist mein Gemüse“, mit dem Heinz Strunk 2004 die Bestseller-Listen stürmte, ist verfilmt worden: Der junge Heinz Strunk (gespielt von Maxim Mehmet) wächst in der Tristesse des Hamburger Stadtteils Harburg auf und schließt sich der Tanzmusik-Band „Tiffanys“ an. Zu Schützenfesten und ähnlichen Anlässen gibt die Gruppe um Frontmann Gurki (Andreas Schmidt) entsprechende Stücke zum Besten. Parallel versucht Heinz in seinem Heimstudio mit selbstgeschriebenen Songs und stetig wechselnden Sängerinnen den musikalischen Durchbruch zu schaffen.
Wie diese „Landjugend mit Musik“, so der Untertitel, hat kaum ein Film nach einem Soundtrack geschrien – und der 21 Titel umfassende Tonträger erfüllt fast alle Erwartungen.
Der erste, größere Teil der CD zeichnet sich durch einen starken Trash-Faktor aus: Zunächst vermittelt das Intro („Swingtime is good time and good time is better time!“) einen Hauch vom Niveau der leider nicht auf dem Soundtrack befindlichen Ansagen der „Tiffanys“. Es folgen „Tiffanys“-Interpretationen von Songs wie die Elvis-Bastardisierung „Blaue Wildlederschuh’“ oder „Geil“ – Stücke, die vermutlich auch in den 80ern schon schlecht waren. Die Liste könnte immens erweitert werden – „Fleisch ist mein Gemüse“ ist eine CD mit Hitpotential – zwischen drei und sechs.
Zwischen etwas wortkargen Gassenhauern wie „Tequila“ oder eine Karaokeversion von „I’m A Believer“ kommen auch eher muttersprachlich gesinnte Nostalgiker auf ihre Kosten: Zwar fehlt das im Film grandios inszenierte „An der Nordseeküste“, doch „Dans op de deel“ oder das „Faslamlied“ verpassen dem Soundtrack immerhin ein wenig des dramaturgisch wichtigen Lokalkolorits.
Im letzten Teil des Soundtracks weichen die treffend gewählten Coverversionen drei neuen Songs, die von der Frontfrau der Berliner Band „Panda“, Anna Fischer, die im Film die Sängerin Jette spielt, mit der Heinz schließlich der Durchbruch gelingt, gesungen werden.
Auch wenn die Stücke ein weiteres Spektrum abdecken, können sie alle getrost mit dem Prädikat „retro“ versehen werden: Bei „Put It All Behind“, im Film ein schlichter Akustikgitarren-Song, auf der CD mit Synthesizern aufpeppt, drängen sich Assoziationen mit Brokdorf-Demonstranten auf – auch wenn der Inhalt weniger politisch ist.
Das wie „Put It All Behind“ von Heinz Strunk selbst verfasste Stück „Tonight“ geht hingegen eher in Richtung Disco – trotz Saxophonsolo ist der Song allerdings der langweiligste der drei ‚Eigenproduktionen’.
So richtig in die 80er Jahre zurückversetzt fühlt man sich am Ende des Soundtracks: „Gestern ist vorbei“, vom Ärzte-Sänger Bela B. getextet, bedient diverse Klischees der Neuen Deutschen Welle. Mit nenaeskem Gesang gibt Anna Fischer Zeilen zum Besten wie „Gestern war so richtig kacke/ Daher auch deine Psycho-Macke“, die schon von der Wortwahl her ernsthaft wohl nur in der 80ern verfasst wurden.
Trotz aller Retrospielereien ist „Gestern ist vorbei“ ein gelungener Abschluss eines Soundtracks, mit dem die einen vielleicht ihre Jugend wieder aufleben lassen, die anderen das Trashpotential pränataler Dorfdiskos und Schützenfeste miterleben können.
Philip Aubreville
Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.
Schlagworte: Bela B., Fleisch ist mein Gemüse, Heinz Strunk, Panda, Soundtrack
