Dezember 29, 2008
Sieben Jahre nach dem Beginn der „Solokarriere“ des Gitarristen und Sängers der Berliner Band „Die Ärzte,“ Farin Urlaub, ist mit „Die Wahrheit übers Lügen“ das dritte Studioalbum des 45jährigen erschienen. An dem neuen Longplayer ist allerdings erstmals das „Racing Team“ beteiligt, mit dem Urlaub seine „Solo-“Konzerte und ein Livealbum bestritt.
Wirklich hörbar ist der Unterschied allerdings nicht – bis auf den vermehrten Frauengesang und eine experimentelle Mini-CD als Beilage lässt sich „Die Wahrheit übers Lügen“ problemlos in die Ahnengalerie der bisherigen Veröffentlichungen Urlaubs einreihen.
Zwar öffnet der neue Tonträger etwas schwach da langweilig mit der ersten Singleauskopplung „Nichtimgriff“, doch schon im folgenden Stück „Unscharf“ spielen Urlaub und sein „Racing Team“ den soliden deutschsprachigen Poppunkrock, den man auch von den bisherigen Tonträgern – und denen der Ärzte – kennt: Gitarrenuntermalte Texte über Herzschmerz, Liebe und die Kunst des positiven Denkens – und mit „Seltsam“ auch ein zynisch-kritischer Song, der sich des für den Vegetarier Urlaub heiklen Themas der Pelzmode annimmt.
Wie bereits auf der etwas nachdenklicheren letzten Studioproduktion „Am Ende der Sonne“ finden sich auch auf dem neuen Release einige schwermütigere Songs: „Die Leiche“, „Monster“ oder „Atem“ passen recht gut zur momentanen Jahreszeit. Vor lauter Langsamkeit drohen die Stücke allerdings gelegentlich zu Schlafmitteln zu werden.
Andererseits finden sich auf „Die Wahrheit übers Lügen“ aber auch wieder verstärkt positive Lieder: Die gleichnamige Hymne an den ominösen „Gobi Todič“, die verzweifelte Suchexzesse bei der digital organisierten Fangemeinschaft auslöste, kommt ebenso gut gelaunt und geradezu sommerlich daher, wie „Pakistan“ oder das sonst ja eher negativ konnotierte „Krieg“. Bei letzterem handelt es sich um einen elektronisch angehauchten Song, der nicht das letzte „genrefremde“ Stück des Albums darstellt: Auf dem beigelegtem „Kleinen Album“ finden sich vier songgewordene Spielereien mit Musikrichtungen wie Reggae oder Dancehall.
Während diese eher Geschmackssache sind, dürfte das „Große Album“ eigentlich jedem gefallen, der Farin Urlaub oder Die Ärzte mag.
Philip Aubreville
Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.
Schlagworte:Die Ärzte, Die Wahrheit übers Lügen, Farin Urlaub, Farin Urlaub Racing Team, Gobi Todič, Rezension
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Januar 1, 2008

„Der Himmel ist blau und der Rest deines Lebens wird schön“. Es gibt wohl kaum einen Song, der besser vor Herbstdepressionen schützt als „Himmelblau“, das erste Stück des neuen Ärzte-Albums „Jazz ist anders“.
Der mittlerweile zwanzigste Longplayer kommt „Wie immer: Ohne Kopierschutz“; und so haben Drummer Bela B., Gitarist Farin Urlaub und Bassist Rodrigo Gonzales auch dieses mal nicht an Ideen gespart, ihre Fans trotzdem zum Kauf der Original-CD zu animieren: Lockte man bei „Rock’n'roll Realschule“ noch mit Internetspecials („Besserpunk“) oder verkaufte „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!“ in einer Plüschhülle, sind das neue Album und eine zusätzliche Drei-Song-Ep in einer Miniaturausgabe einer Pizza-Schachtel verpackt.
Musikalisch als auch textlich deckt „Jazz ist anders“ zwischen vertontem Endorphin wie dem erwähnten „Himmelblau“ und dem düsteren „Allein“ vieles ab: Mit „Lasse redn“ begeben sich die Ärzte beispielsweise in gefährliche Schlagernähe, auch wenn dieses Stück mit „die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD/ und die besteht nun mal, wer wüßte das nicht, aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht“ eine der besten Textzeilen des gesamten Longplayers besitzt. „Nur einen Kuss“ knüpft an die Zeiten an, als man die Tonträger der Berliner nur mit gültigem Personalausweis erwerben konnte, „Licht am Ende des Sarges“ an den auf diversen Alben ausgelebten Vampir-Fetisch des Drummers Bela B.
Überhaupt scheinen sich Die Ärzte in den vier Jahren seit dem letzten Studioalbum kaum verändert zu haben: Ihre relativ neue Marotte, das sozialpädagogische „Du“ exzessiv zu verwenden, hat sich das Trio leider nicht abgewöhnt („Lied vom Scheitern“; „Die ewige Maitresse“), dafür strotzen Stücke wie „Breit“ oder „Heulerei“ vor (Selbst-)Ironie.
Exemplarisch für den neuen Tonträger ist die erste Singleauskopplung „Junge“: Auch hier zeigt sich anhand humoristisch-augenzwinkernder Texte und poprockigen Gitarrenriffs, dass sich bei den Ärzten zwar konstante Qualität, aber auch ein Mangel an Entwicklung beobachten lässt.
Doch letzteres sei den Berlinern verziehen – für Experimente haben sie ja bekannterweise ihre diversen Soloprojekte. Oder die beigelegte EP: Hier spielen Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo Gonzales mit Elektro-, Reggae- und Orgelmusik und schöpfen all das ab, was auf „Jazz ist anders“ Fehl am Platz gewesen wäre.
Dies ist auch besser so, denn die vier Songs (drei Songs + ein Hiddentrack) der Mini-CD ist absolut grenzwertig. Im Gegensatz zum Album, dass trotz seiner Überraschungslosigkeit einen bunten Farbklecks in der doch recht grau gewordenen deutschsprachigen Musikszene darstellt.
Philip Aubreville
Dieser Artikel wurde außerdem im “Szene-Magazin” – der Jugendbeilage der Grafschafter Nachrichten veröffentlicht.
Schlagworte:Album, Ärzte, Bela, Bela B., CD, DÄ, Die Ärzte, Farin, Farin Urlaub, Jazz ist anders, Junge, LP, Musik, Pop, Punk, Punkrock, Review, Rezension, Rock, Rod, Rodrigo Gonzales
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